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Gott kann definitiv keine Frau sein

  • Autorenbild: Katharina | Food Style Affairs
    Katharina | Food Style Affairs
  • 16. März
  • 3 Min. Lesezeit

Mentale Gesundheit Wechseljahre Blog Magazin Food Style Affairs

Seit einiger Zeit führe ich ein wahrlich armseliges Rockstarleben – die Variante, bei der die glamourösen Tage längst vorbei sind. Der Vorhang ist gefallen, das war’s. Rien ne va plus.


Morgens komme ich kaum aus dem Bett, der Körper schmerzt diffus, der Drogenkonsum nimmt bedenklich zu. Nächtelange Raucheskapaden auf dem Balkon, während ich in den Himmel starre und vor meinem inneren Auge meine Glanzzeiten vorbeiziehen lasse. Was war ich fit, was war ich agil – und jetzt? Vergleiche sind Gift fürs Gemüt – das weiß ich selbst - aber ich kann es nicht lassen. Ich schaue mir alte Yoga-Videos an, betrachte Bilder aus Studiozeiten und frage mich, wer diese Frau wohl war, die da so strahlend in die Kamera lacht. Dieses Glitzern in den Augen, dieses verschmitzte Lächeln – umwerfend.


Die gute Nachricht: Diese Frau gibt es noch. (Es gab Phasen, da war das nicht selbstverständlich.) Das Glitzern ist schwer verblasst und die ungeschminkte Wahrheit ist: Sie steckt in einer ermüdenden Umbauphase. Frau sein an sich ist ja schon eine große Nummer – und so sehr ich es liebe, manchmal ist es einfach nur verdammt anstrengend.


Ein Leben lang monatliches Hormonchaos, Blutungen, Schwangerschaften, Geburten – und als großes Finale nun also das Klimakterium. WTF?! Gelenkschmerzen, Hautausschläge, Schwellungen, Schlaflosigkeit, nächtliche Wanderungen ins Bad (und nein, man kann nicht auf der Kloschüssel schlafen – ich habe es versucht), und meine schwarzen Wolken im Kopf hängen tiefer als je zuvor. Meiner Meinung nach auch ein eindeutiger Beweis dafür, dass Gott ein Mann sein muss. Eine Frau hätte für ihre Schwestern so einen Kacke niemals erfunden.


Um es kurz zu machen: Körper und Geist entgleiten mir gerade komplett und machen plötzlich, was sie wollen – und verlässlicher Weise auf keinen Fall mehr das, was ich kenne. Wer glaubt, Teenager seien anstrengend, hat noch keine Frau in den Wechseljahren erlebt.


Wechseljahre sind ja eigentlich schlicht menschlich – in diesem Fall schwer weiblich. Und genau das scheint das Problem zu sein. In einem patriarchalischen Machtgefüge (der Platz reicht hier leider nicht aus, um die zahlreichen Beispiele auszuführen) ist dieses Thema absolut tabu, weil absolut nicht sexy. Und das soll Frau ja bekanntlich sein: stehts aufregend, stehts verfügbar und nebenbei auch noch stehts eine gute Mutter. Nach wie vor wird Weiblichkeit über Jugend und Attraktivität definiert – und dann kommen die Wechseljahre um die Ecke. Stimmungskiller par excellence. Viele Kilos, viele Falten, viel Hitze und viele Launen, die mit einem hormonellen Erdbeben konkurrieren – nicht gerade das, was unter „dem Bild der perfekten Frau“ verstanden wird. Also versteckt sich Frau und leidet still vor sich hin.


Der Mann, der jetzt die Hand hebt und mir erklären möchte, dass auch seine Gattung Wechseljahre haben kann, dem möchte ich an dieser Stelle sagen: Ihr habt keine Ahnung! Allerdings muss ich zugeben – ich hatte vorher auch keine. Der ganze Wahnsinn fühlt sich an wie eine unerwünschte Online-Bestellung, die einem aufgezwungen wird – und die man nicht zurückschicken kann. Inhalt - Überraschung! Ein bunter Konfetti-Strauß voller Unmöglichkeiten. Rückgabe ausgeschlossen.


Selbst eine Lebens-Kriegerin wie mich hat dieser Wechsel eiskalt erwischt und komplett aus der Bahn geworfen. Zack, Schalter umgelegt – und plötzlich fühle ich mich alt, verbraucht und leer. Und das nicht nur, weil sich über die Monate ein beachtlicher Drogenkonsum eingestellt hat: Psychopharmaka, Tranquilizer, Alkohol, Zigaretten – alles verzweifelte Maßnahmen, um einen instabilen Schlaf zu fördern oder kurze, stabile Gute-Laune-Phasen zu retten.


Morgens sehe ich aus wie ausgespuckt, brauche bis mittags, um auf Normalzustand zu kommen, habe eine Stimme wie Rod Stewart und krieche mit Migräneattacken selbst bei Regen mit Sonnenbrille durch die Straßen. Holy shit.


Wer mir jetzt mit „In jedem Wechsel steckt eine Chance… und alles so neu und aufregend…“ kommt, den möchte ich bitten, zu seiner eigenen Sicherheit meine zukünftigen Aufenthaltsorte zu meiden. Es könnte gefährlich werden. Und sollte jemand demnächst im Supermarkt eine Lady in Tränen aufgelöst vor einem leeren Chips-Regal vorfinden, nehmt sie bitte ganz fest in den Arm, streichelt ihr über den Rücken und redet beruhigend auf sie ein. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Ü40-transformierende Person mit Eierstöcken.


Gerne möchte ich noch das Wort meiner geschätzten Hausärztin wiedergeben: „Wechseljahre sind scheiße.“ Nun, dem wäre nichts mehr hinzuzufügen

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