Eine kleine Nachtmusik
- Luci, das Leben und andere Lästigkeiten
- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen

Ob zum Briefkasten oder zum Supermarkt um die Ecke, es fühlt sich an wie eine beschwerliche Gipfelbesteigung, die nicht einmal mit einer überwältigenden Aussicht belohnt wird. An manchen Tagen rückt der imaginäre Gipfel immer wieder ein Stück weiter in die Ferne, wenn man den Blick darauf richtet. Jeder Schritt kostet Kraft und Überwindung.
Dann gibt es Tage – wenige Tage – an denen sich neue Wege auftun. Längere Wege zu unbekannten oder selten besuchten Zielen. Die Schritte dorthin gehe ich leichtfüßig. U-Bahnen und Züge fahren pünktlich und mit Concorde-Geschwindigkeit.
Routine ist mein Erzfeind. Meine Achillesferse. Mein Kryptonit. Es gibt nur ein Gegenmittel: Ausbrechen.
Letzte Woche war es wieder so weit. Ein kleiner Ausflug in eine andere Welt. Spätabends, wenn ich mich mir selbst am nächsten fühle. Blutgruppe Eule. Wo ich gewesen bin? Muss niemand wissen. Aber so viel kann ich sagen: Mein Erzfeind Routine hatte einige Tage seine Wunden zu lecken.
Es war spät geworden. Der Gang zur U-Bahnhaltestelle im verrufenen Bahnhofsviertel nach Mitternacht fast ausgestorben. Vereinzelt hallen laute Stimmen aus den Seitengassen. Ich bewege mich seit über zwei Jahrzehnten nachts alleine durch diese Stadt. Wir sind eins und ich verschmelze mit ihr. Fühle mich auf gute Weise unsichtbar. Beim Betreten der erleuchteten U-Bahnhaltestelle begegnen mir weitere Lebewesen mit Blutgruppe Eule. Insgesamt fahre ich drei Ebenen in den Abgrund, bevor ich in eine U-Bahn Richtung Zuhause steigen kann. Auf der zweiten Rolltreppe geschieht es. Ich betrete die Treppe und unsere Blicke kreuzen sich. Ein Mann kniet am Ende der Treppe und fotografiert nach oben. Ich bin ihm ins Bild getreten. Wir lächeln uns zu. Diese Art von Bildern habe ich auch schon oft gemacht. Das Glück eine leere Rolltreppe zu fotografieren. Meine Nachkommen werden wahrscheinlich den Kopf schütteln, wenn sie den Inhalt meiner externen Festplatten sichten. Die nächste Begegnung ereilt mich am Ende der letzten Treppe. Wir erschrecken uns beide. Eine der typischen Untergrundmäuse, wie man sie des Nachts in den Haltestellen der Innenstadt sieht. Ich fahre mit der U-Bahn zurück in meinen Stadtteil. Die Concorde-Geschwindigkeit ist bereits ein wenig gedrosselt.

Die letzte Begegnung sehe ich nicht. Sie ist nur zu hören. Eine Straße von meiner Wohnung entfernt höre ich Vogelgezwitscher. Es ist halb eins und nicht Morgengrauen. Ich tue es als Geräusch in meinem Kopf ab. Doch es wird lauter. Vor der Haustür hallt das Gezwitscher laut durch die Einfahrt. Ich lebe seit vielen Jahren hier und habe es nie zuvor gehört. In der Wohnung angekommen befrage ich meinen treuen Freund Google wer noch mit dem Eulenvirus infiziert ist. Die für mich überraschende Antwort lautet: Rotkehlchen. Sie singen des Nachts, wenn es tagsüber zu laut war.
Die Lösung des Rätsels stimmt mich im ersten Moment traurig. Selten habe ich tierisches Verhalten mehr nachvollziehen können. Also gut, Ihr lieben Rotkehlchen: Herzlichen Willkommen im Nachtclub des Lebens! Ja, zu Beginn kann man sich etwas ausgestoßen und abgehängt fühlen. Aber glaubt mir: Irgendwann schließt ihr damit Euren Frieden. Ihr werdet jedem Sonnenuntergang entgegenfiebern, der eine dunkle Parallelwelt hervorbringt, die es uns erlaubt unser Lied zu singen. Anders, aber nicht weniger schön und nicht weniger wertvoll.

Luci ist passionierte Kaffeetrinkerin, Reiki Meisterin und legt gerne Obst in Mandala Formen. Vor allem überzeugt sie regelmäßig ihre Instagram Follower mit humorvoll-tiefgründigen Texten über die Lästigkeiten die das Leben so mit sich bringt. Mehr auf ihrem Account @leftover_rainbow
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